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Kunst als Definition für eine neue Unternehmenskultur

Kreativiät im Job

Agile Unternehmenskultur, innovative Unternehmenskultur usw. Wieviele Definitionen für Unternehmenskulturen braucht es bitte noch? Auf jeden Fall eine: Die künstlerische Unternehmenskultur.

Kunst ist keine Arbeit.
Kunst ist brotlos.
Künstler sind arm und vor allem Überlebenskünstler.

Hand aufs Herz: Wenn das fast erwachsene Kind daran denkt, „Künstler“ zu werden, jubelst du dann? Viele von uns denken doch in einer solchen Situation genau an solche Klischees, oder? Und das sicherlich oft auch zu Recht. Erfolgreich seinen Lebensunterhalt mit der eigenen Kunst zu verdienen ist für viele Künstler nicht leicht.

Kunst wird oft mit Kreativität gleichgesetzt. Aber stimmt das?

Ich behaupte, dass Kreativität einer Lösungen dient. Und die Kunst? Ja die frei!

Warum aber soll dann bitte Kunst als Definition für eine neue Unternehmenskultur dienen?

In der Wirtschaft geht es um Profit.

Was soll dann die Wirtschaft von der Kunst lernen?

Klar gibt es einige Berufe, die ein sicheres Einkommen mit künstlerischen Aspekten verbinden: Kunsttherapie, Kunstlehrerinnen/-lehrer und Medienschaffende, um nur ein paar zu nennen. Die reine Kunst ist für viele Unternehmen, in denen doch eher Ratio und Logik vorherrschen, aber meilenweit entfernt. Dabei können Unternehmen, deren Unternehmenskultur, Führungskräfte und Mitarbeiter unglaublich viel von der Kunst und dem künstlerischen Prozess lernen.

Die folgenden Darstellungen des künstlerischen Prozesses sind beispielhaft und repräsentieren sicherlich nicht jeden Künstler. Dennoch bilden die hier genannten Definitionen die Essenz von künstlerischer Arbeit und spiegeln meine ganz persönliche Sicht auf die Arbeit vieler Künstler wider.

 

Intuition als Unternehmenskultur

Entdeckerqualität:
Unternehmenskultur für unsere komplexer werdende Welt

Änderungen und Ungewissheit machen Angst. Für viele Menschen ist unsere sich verändernde und immer komplexer werdende Welt eine große Herausforderung. Das merken wir in der der aktuellen Corona-Kriese besonders.

Und gerade hier kann ein kreatives künstlerisches Mindset nur gewinnen. Immer wieder wird in Management- und Wirtschaftsmedien von Entdeckerqualitäten gesprochen.
Sind Entdeckerqualitäten auch gleich ein künstlerisches Mindset?

Gut, welche Fähigkeiten haben Entdecker?
Er oder sie hat keine Angst, ist neugierig, hinterfragt (auch gerne mal provokativ). Vor allem aber verbindet ein Entdecker oder eine Entdeckerin unverbundene Aspekte und Tatsachen miteinander. Ein Entdecker beobachtet gerne und gut, ganz gleich ob andere Menschen oder Situationen. Am besten und interessiertesten beobachtet es sich, wenn man nicht gleich bewertet. Genauso arbeitet ein Künstler, ein Entdecker neuer Welten.

Künstler und Wissenschaftler haben keine Angst zu scheitern

Die Kunst und die Wissenschaft sind sich erstaunlich ähnlich. Gerade in der Grundlagenforschung gibt es keinen Fortschritt ohne Scheitern. Scheitern ist in der Wissenschaft und in der Kunst nichts, vor dem man Angst haben muss. Ganz im Gegenteil: Wenn etwas nicht funktioniert, dann zeigt genau dieser Gedanke einen neuen Weg.

 

Unternehmenskultur mit künstlerischem Mindset: ergebnissoffen und frei von Konventionen

Kunst wird oft mit den handwerklichen Fähigkeiten gleichgesetzt. Und diese sind auch sicherlich sehr wichtig: Ohne Technik und Können wird ein Künstler es nie schaffen, sein Werk zu vollenden. Wer sich an einer Kunsthochschule bewirbt, der muss schon bei der Mappen- und Aufnahmeprüfung sein Können unter Beweis stellen. Denn es geht bei der weiteren künstlerischen Ausbildung nicht in erster Linie um das Handwerk, sondern um das Schärfen des Geistes. Und da sind wir wieder beim Mindset. Ein künstlerisches Mindset ist ergebnissoffen und hat keinen Respekt vor Konventionen.

Und genau hier liegen die Superkräfte, von denen die Wirtschaft so viel lernen kann und die erfolgreiche Innovatoren wie Steve Jobs & Co nutzten und nutzen.

 

6 Definitionen für künstlerische Unternehmens- und Innovationskultur

1. Ohne Neugier nichts Neues!

Am Anfang jedes künstlerischen Projekts steht die Neugier. Ein brennender Impuls, dem nachgegangen werden muss. Ein sehr persönlich motiviertes Interesse und komplett intrinsisch. Irgendetwas lässt den Entdeckergeist eines Künstlers erwachen. Oft gilt: je komplexer, umso lieber. Diese Neugier kann sich so durch das ganze Werk des Künstlers ziehen. Eine eigene brennende Frage, die meist nicht einfach zu beantworten ist und deren Antwort erst im schöpferischen Prozess geklärt werden muss. Dabei ist die Form der Antwort nicht das primäre Ziel.

 

„Die Neugier ist die mächtigste Antriebskraft im Universum, weil sie die beiden größten Bremskräfte im Universum überwinden kann: die Vernunft und die Angst.“

Walter Moers, in seinem Buch „Die Stadt der Träumenden Bücher“

 

 

Neugier als Unternehmenskultur

2. Intuition als Navigation

Irgendwann ist da also ein Impuls, ein Gedanke, ein Moment oder eine Assoziation, die den Startschuss geben. Vielleicht braucht es auch mehrere Impulse, bis die Startenergie sich entlädt. Dann aber beginnt ein Künstler zu arbeiten.

Der Treibstoff der Kunst ist die Neugier und das Ziel ist offen und ungewiss – pures Erkunden und Entdecken. Deshalb arbeiten Künstler häufig spielerisch und ohne Absicht. Nur so kann man sich ganz dem Entdecken verschreiben.

Das heißt nicht, dass die Art der Arbeit nicht „ernst gemeint“ ist. Je unbefangener sich ein Künstler einem Musikstück, einem Kunstprojekt, einer Inszenierung oder einem Text widmet, umso produktiver wird er oder sie sein. Einfach losgehen, erkunden und erforschen. Die eigene Intuition gibt Orientierung. Ein Künstler vertraut seiner Intuition und kombiniert rationale Gedanken mit Gefühl und Emotion.

Intuition + Wissen + Emotion = Kunstwerk. Das ist die Formuel für ein authentisches Kunstwerk.

 

3. Spielerisch arbeiten:

zur Abwechslung mal  ziel- und planlos erschaffen

Eine weitere Fähigkeit von Künstlern ist, scheinbar ziel- und planlos, ja unberechenbar zu arbeiten. Übrigens eine Fähigkeit, die die Zusammenarbeit mit Künstlern für zuarbeitende Menschen so anstrengend macht.

Aber genau diese Arbeitsweise ermöglicht ein völlig neue Sicht auf Themen und Möglichkeiten. Wenn wir uns erlauben eine gewisse Zeit zu „spielen“, dann trainieren wir unsere Kreativität.

Zweckrationales Vorgehen komplett außer Acht zu lassen, ist sicherlich aus unternehmerischer Sicht die größte Herausforderung, wenn künstlerische Arbeitsweisen übernommen werden sollen. Dabei birgt gerade dies eine große Chance.

Die Kunst ist es, eine Aufgabe anzunehmen, ohne zu wissen, was daraus wird. Vollkommen offen. Rein logisch gesehen ist dann auch alles möglich, oder?

Eine Ahnung vom Ergebnis ist vielleicht der Anfang. Nur wenn ein Künstler sich seiner Frage mit allen Sinnen und mit vollkommen offenem Geist hingibt, kann er etwas (für ihn) vollkommen Neues und Freies schaffen. Und leicht ist das sicherlich nicht, wenn nicht klar ist, wie die nächste Miete gezahlt werden soll. Tatsächlich ist das der Preis, den unzählige Künstler zahlen. Und das muss erst mal ausgehalten werden. Dazu braucht es viel Selbstvertrauen – auch als Unternehmen.

Ein Künstler beherrscht aber auch sein Handwerk. In der Umsetzung ist der Künstler (rein handwerklich, bzw. technisch gesehen) selten ziellos. Erfolgreiche Künstler sind Perfektionisten. Nichts ist schrecklicher, als dass das eigene Können der Vorstellung nicht gerecht werden kann. Ein Künstler scheut die Arbeit nicht. Auch wenn spielerische konzipiert wird: Am Ende muss auch umgesetzt werden. Und das gut. Sonst war alles umsonst.

 

„Niemals male ich ein Bild als Kunstwerk.
Es sind alles Forschungsarbeiten.“

Pablo Picasso

 

4. Mach es für den Prozess und halte ihn offen!

Der größte Unterschied zwischen dem Kunsthandwerk und der Kunst ist das Ziel. Kein Künstler wirft sich in ein Projekt, dessen Ausgang bereits feststeht. Nur wenn der Prozess offen ist, kann ein Kunstwerk wachsen. Gerade wenn mehrere Künstler zusammenarbeiten, ist das so wichtig: Viele Choreografen halten ihre Vision in Teilen zurück, um die Arbeit und den Prozess der anderen Tänzer in ihren eigenen künstlerischen Prozess zu integrieren. Eine solche Teamkreation ist eine persönliche Glanzleistung – sowohl für den Prozess als auch für das eigene Ego.

 

5. Ungewissheit aushalten und ohne Angst weitergehen

Wir Menschen sind Fluchttiere. Ein unbekannter Weg macht uns Angst. Künstler wissen nicht, wie z. B. ein Bild, an dem sie gerade arbeiten, am Ende wirklich aussehen wird. Jeder Schritt, den ein Künstler geht, bedeutet Veränderung. Eine Ungewissheit, die ausgehalten werden muss und die Teil der Faszination ist. Persönliches und technisches Wachstum ist die Folge. Und wenn es nichts wird, muss eben eine neue Lösung gefunden werden.

Besonders am Anfang eines Projekts gilt es, diese Ungewissheit auszuhalten. Das einfachste Rezept gegen ängstliches Aushalten und Prokrastinieren: einfach anfangen! Der nächste Anfang liegt gleich um die nächste Ecke!

 

6. Achtsam spielen!

Spielerisch zu arbeiten, heißt ausprobieren und neue Welten erkunden. Intuitiv Schritte gehen, angstfrei Tatsachen verbinden und die Welt mit den staunenden Augen eines Kindes sehen. „Nicht glotzen! Hinsehen!“ (frei nach einem meiner Professoren im Studium). Spielerisch entdecken, staunen und unvoreingenommen mit frischem Blick einen Gegenstand betrachten sind „Tätigkeiten“, die Kindern zugeschrieben werden. Tatsächlich ist es pure Kreation und Achtsamkeit

Dreh dich um und stelle dich dem Fremden.“ 

David Bowie

Weckt den Künstler in Eurem Unternehmen

Unternehmen wie Booking.com, Microsoft, Google, Amazon, Facebook und Co. machen immer wieder auf sich aufmerksam, wenn sie Neugier, Intuition und Experimentieren in Projekten einsetzen. Der Harvard Business Review berichtet in seiner Ausgabe vom März/April 2020 über die Experimentierlust z. B. von Booking.com: Seit seinen Anfängen hat der Buchungsriese geschätzte Milliarden Versionen seiner Landingpages getestet. Die Neugier wurde belohnt durch einen riesigen Wissensschatz, der das Unternehmen innerhalb kurzer Zeit zum Branchenriesen gemacht hat. Neugier kultivieren und spielerisch zu experimentieren mit offenem Ergebnis: Was wäre mit einer solchen Ideenkultur in Unternehmen alles möglich?! Dahinter stecken Entdeckerfähigkeiten: Umwege werden für den Preis von neuen Erkenntnissen in Kauf genommen. Nur wer offen an Fragen und Aufgaben herangeht, kann neue Erkenntnisse und Ideen entwickeln.

Künstlerische Arbeit ist harte Arbeit

Auch wenn spielerisches, ergebnisoffenes Arbeiten und persönlicher Antrieb im Zentrum einer unternehmerischen Ideenkultur stehen sollten, meine ich damit auf keinen Fall, dass alles nur watteweich gespült, mit rosaroter Brille gesehen werden sollte.

Künstlerisches Arbeiten ist harte persönliche Arbeit, braucht Selbstvertrauen und verlangt ein absolutes Hingeben an das Ziel: eine Antwort zu erhalten.

Und wer profitiert dann von einer künstlerischen Ideenkultur?

Alle! Das Unternehmen, die Führungskräfte und die Mitarbeiter. Intuitive Kreativität und eine persönlich motivierte Ideenkultur im Unternehmen ist eine Win-win-Situation für individuelles Wachstum von Menschen und Wirtschaft. Künsterisches Arbeiten bedeutet nicht einfaches Arbeiten. Künsterlische Arbeit bedeutet persönlich motiviertes Arbeiten mit vollem Einsatz für ein Ziel.

Liebe Künstler: nutzt eure Superkraft!

In meiner Arbeit begegnen mir viele Kreative, die sich ihres Wertes, bzw. des Wertes ihrer Arbeit nicht bewusst sind. Im Atelier, auf der Bühne, am Arbeitsplatz schon, nicht aber, wenn sie an die freie Wirtschaft denken. Zu tief sitzt die soziale Prägung, die schon in der Schule beginnt: musische Fächer wie Kunst und Musik sind nicht so wichtig wie naturwissenschaftliche Fächer. Kunst ist „nice to have“…

Schluss damit! Es liegt auch in den Händen von Künstlern und Kreativen: Nur wer sich seiner Superkraft bewusst ist, kann diese auch imposant einsetzten. Kein Künstler ist Opfer der Umstände. Macht was draus!

 

 

Quelle Zitate: Berühmte Zitate
Walter Moers, „Stadt der träumenden Bücher“
Berit Sanberg und Dagmar Frick-Islitzer, „Die Künstlerbrille“
Harvard Business Review, Issue 2/2020

 

Lasst es schillern und
mach dich sichtbar!

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